Persönlichkeit statt Perfektion

Daniel Hope im Festsaal der Tübinger Universität


Von Martin Bernklau, 10. Mai 2011

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Es kommt nicht nur darauf an, wie jemand musiziert und was, sondern auch wer das tut. Wahrscheinlich gibt es virtuosere Geiger, aufregendere Deutungen, klarere Stile und Violinisten mit einem größeren Ton. Aber Daniel Hope ist eine Künstlerpersönlichkeit, die in der gegenwärtigen Musikwelt weit herausragt. Am Montagabend war er als Leiter und Solist mit dem Stuttgarter Kammerorchester im seit Wochen ausverkauften Festsaal der Tübinger Universität zu Gast. Das Konzert wurde wegen des Andrangs live ins Audimax übertragen.

Daniel Hope, 1977 in Südafrika geborener Brite mit deutsch-jüdischen Vorfahren, war bis zu dessen Auflösung vor drei Jahren Geiger im legendären Beaux Arts Trio. Dass dieser über die Musik hinaus so vielseitige Künstler eine viel weitere Bestimmung empfindet als nur perfektionistisch das Feld eines verbissenen Virtuosen zu beackern, das macht sich natürlich in seinem Spiel bemerkbar. Aber wenigstens ist er als Star nicht der markt-taugliche, glamouröse Typ eines bloß fotogenen Beau, der noch besser aussieht als er geigen kann.

Hopes Bach, keinesfalls „historisch“, aber mit kurzem Barockbogen gespielt, wollte zwar vielleicht durch rasende Tempi in den Ecksätzen glänzen, war jedoch weder makellos, noch exakt mit Partner Hudson abgestimmt. Zumal Geschwindigkeitsrekorde heutzutage niemanden mehr wirklich staunen lassen, blieb auch die Deutung durchaus anfechtbar. Der eigentlich eher tänzelnde Drive der schnellen Sätze wirkte zuweilen rhythmisch ungenau, oft ruppig, grob und eckig, etwa in den flächigen Doppelgriff-Passagen des Finales. Die himmlischen Linien im Zwiegesang des langsamen Satzes hätte man sich auch als langen Atem über dem Puls des Orchesters vorstellen können, statt als wechselnde Einwürfe in ein lebhaftes Gespräch, von gelegentlichem Schleifen und Schmachten durchsetzt.

Seiner Neigung zu ganz subjektiv eingefügten Verzierungen gab Daniel Hope auch in der schön ruhig angelegten F-Dur-Romanze Ludwig van Beethovens nach. Einer wie er mag das dürfen. Aber es muss nicht sein. Hopes Ton, manchmal in einer gewissen Beliebigkeit von starkem Vibrato forciert, ist in hohen Lagen und leisen Passagen am eindrücklichsten. Was das Charisma seines Spiels ausmacht, zeigte sich vielleicht am besten in Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert d-Moll, dem genialen Werk eines zwölfjährigen, nur mit Mozart vergleichbaren Wunderkindes. Trotz mancher Schwächen im Detail, übereilter Läufe oder ungezügeltem Schwärmen, verdichtete sich so viel inbrünstige Liebe doch oft zu einer unvergleichlichen Intensität. Den Mittelsatz zelebrierte Hope wie ein geheimnisvoll, spannend und zärtlich erzähltes Märchen. Das Stuttgarter Kammerorchester, ein Klangkörper, der gewissermaßen von allein spielt, ließ ihm dazu mit einfühlender Behutsamkeit allen Raum.

Besser als beim plastischen, außer im zerbrechlichen Mittelsatz aber meist etwas überartikulierten Violinkonzert G-Dur war Hopes Mozart-Deutung in dem vorangestellten Adagio KV 261 nachvollziehbar, einem Solitär, dessen berückende Schlichtheit er förmlich streichelte.

In den abschließenden Ungarischen Tänzen 1 und 5 von Johannes Brahms riss Hope das eh schon gerne straff streichende Kammerorchester noch einmal zu ganz furiosen Ekstasen mit. Wie in der ersten Zugabe, dem Finalsatz von Vivaldis Doppelkonzert a-Moll, deckte die Raserei so manches Detail zu, war aber immerhin ziemlich präzise. Doch noch in solch fingerfertiger Teufelsgeigerei, die an sich nicht mehr besonders spektakulär und auch nicht immer sinnvoll ist, zeigte sich das Besondere an Daniel Hope: Er kann solch musikantischem Virtuosentum eine funkelnde Intensität verleihen. Es ist die Persönlichkeit, die sein Spiel charismatisch macht - und damit zum Erlebnis.

Auch an Bachs „Air“ mochte wieder eine gewisse Kurzatmigkeit auszusetzen sein, die dichte Linie vermisst werden. Aber selbst der überflüssige Zierrat verdeckte nicht das betörende Auskosten vieler musikalische Momente. Natürlich feierte das Tübinger Publikum Daniel Hope dafür, diese einzigartige Musiker-Persönlichkeit.

GEA/mab, 11.Mai 2011)